Was ist Deutschland? Die Frage klingt einfach, ist aber komplizierter als es auf den ersten Blick scheint. Geografisch ist Deutschland ein mitteleuropäisches Land zwischen Alpen und Nordsee. Historisch ist es eine Nation, die erst 1871 aus vielen Kleinstaaten zusammenfand, 1945 in Schutt und Asche lag, geteilt wurde und sich 1990 wieder vereinte. Kulturell ist es eines der einflussreichsten Länder der Weltgeschichte in Wissenschaft, Philosophie, Musik und Literatur.

Aber Deutschland ist auch das Land der Gegenwart: bunt, divers, mit fast 19 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, mit vielen Menschen, die sich erst seit kurzem oder noch gar nicht als "deutsch" identifizieren, obwohl sie hier geboren wurden oder seit Jahrzehnten hier leben. Was verbindet alle diese Menschen? Und welche Aspekte dieses Landes sprechen Sie persönlich am stärksten an?

Deutsche Identität nach 1945

Der Nationalsozialismus und der Holocaust haben das deutsche Verhältnis zur nationalen Identität dauerhaft verändert. Patriotismus war für Jahrzehnte ein schwieriges Wort — belastet, verdächtig, vermieden. Diese Zurückhaltung war historisch verständlich und ethisch notwendig. Sie hat aber auch dazu geführt, dass das positive Bekenntnis zur eigenen nationalen Gemeinschaft in Deutschland lange schwieriger war als in den meisten anderen Ländern der Welt.

Die "Normalität" der nationalen Identität ist in Deutschland eine vergleichsweise neue Entwicklung. Das Auftreten der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM 2006 im eigenen Land gilt als Wendepunkt — ein Moment, in dem nationales Bekenntnis als unbeschwerter Ausdruck von Freude und Zugehörigkeit erlebt wurde, nicht als politische Geste. Ob diese "Normalität" seither stabil geblieben ist, ist unter Soziologinnen und Soziologen umstritten.

Regionale Identitäten und Gesamtdeutschland

Ein Spezifikum des deutschen Identitätsgefühls ist die Stärke regionaler Bindungen. Viele Deutsche identifizieren sich zuerst als Bayer, Hamburger, Rheinländer oder Sachse — und erst danach als Deutsche. Das Föderalsystem, das diese regionalen Identitäten politisch stärkt, ist zugleich Ausdruck und Verstärker dieser Tendenz. Die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer in Einkommen, Lebenserwartung und politischen Einstellungen messbar, sind ein weiteres Kapitel in dieser Geschichte regionaler Differenz.